Hundeleinen im Visier

- vom Sinn, Unsinn bis zur lebensgefährlichen Gefahr hin

Wenn ich mir einen Hund zulege, muss ich mich zwangsläufig mit dem Thema einer Leine auseinandersetzen. Durch eine TV-Sendung auf Vox, in der eine sog. „Weltneuheit mit Magnetverschluss“ vorgestellt wurde, sah ich mich veranlasst, das Thema „Leine“ etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und u. a. auch auf die „Risiken und Nebenwirkungen“ unterschiedlicher Leinenarten hinzuweisen.

Hier möchte ich zunächst einen Auszug aus dem Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen zitieren, um zu belegen, weshalb wir – gesetzlich gesehen - eine Leine benötigen:
„Wer in Nordrhein-Westfalen einen Hund hält oder Hunde auf öffentlichen Wegen ausführt, hat verschiedene rechtliche Vorgaben zu beachten. Mit diesen Grundregeln sollen mögliche Gefahren für Leben, Gesundheit und Eigentum anderer deutlich verringert werden. An die Haltung potentiell gefährlicher Hunde werden besondere Anforderungen gestellt“
Zu den allgemeinen Pflichten laut §2 gehört,
(1) Hunde sind so zu halten, zu führen und zu beaufsichtigen, dass von ihnen keine Gefahr für Leben oder Gesundheit von Menschen oder Tieren ausgeht.
(2) Hunde sind an einer zur Vermeidung von Gefahren geeigneten Leine zu führen
•    in Fußgängerzonen, Haupteinkaufsbereichen und anderen innerörtlichen Bereichen, Straßen und Plätzen mit vergleichbarem Publikumsverkehr,
•    2. in der Allgemeinheit zugänglichen, umfriedeten Park-, Garten- und Grünanlagen einschließlich Kinderspielplätzen mit Ausnahme besonders ausgewiesener Hundeauslaufbereiche,
•    3. bei öffentlichen Versammlungen, Aufzügen, Volksfesten und sonstigen Veranstaltungen mit Menschenansammlungen,
•    4. in öffentlichen Gebäuden, Schulen und Kindergärten.“

 

Eigentlich müsste es eine Selbstverständlichkeit sein und keine Pflicht – aber der Alltag zeigt, dass dies leider Gottes nicht immer so gehandhabt wird. Aber kommen wir nun von den Gesetzen und Pflichten weg und widmen wir uns dem eigentlichen Thema:

Die Wahl einer geeigneten Leine.
Aus dem Überangebot von Leinen die richtige auszuwählen, ist heutzutage wirklich nicht einfach. Wann benötige ich nun welche Leine?

Halte ich mich mit dem Hund in der Stadt auf, dann sollte die Leine auf keinen Fall zu lang sein, damit uns entgegenkommende Menschen nicht drüber stolpern oder die Hundeleine zur Stolperfalle wird. Bin ich mit meinem Hund auf einer Wiese oder im Wald, dann darf die Leinenlänge selbstverständlich auch mal länger sein, damit der Hund nicht ständig in die Spannung hineinläuft und in Ruhe mal hier und da schnuppern kann.

Jeder Mensch bevorzugt von seiner Haptik her andere Macharten. Ich z. B. liebe verstellbare Fettlederleinen für den normalen Spaziergang oder für die Stadt, die eine Länge von 2,5 m haben darf. Denn wenn ich die Leinenlänge in der Stadt halbiere, stehen dem Hund nur noch 1,25 m Leinenlänge zur Verfügung.

Eine sog. Schleppleine ist eine spezielle Ausführung einer Hundeleine, welche außer der Befestigungsmöglichkeit am Brustgeschirr keine weiteren Ösen, Karabiner, Schlaufen oder ähnliches aufweist. Schleppleinen sind mit 5 bis 20 Metern meist länger als Führleinen. Die Materialauswahl für mich ist ganz eindeutig Biothane – aber, wie gesagt, das ist Geschmackssache. Biothaneschleppleinen kann man über den Boden gleiten lassen, ohne dass Tannennadeln oder Gräser sich im Material festsetzen oder Nässe in die Leine eindringt und sie somit schwerer würde. Auch hier ist wieder auf die Leinenbreite zu achten: je breiter die Leine, desto schwerer ist sie. Auch die Leinenlänge sollte überdacht werden. Denn je länger die Leine ist, desto heftiger kann sich die Zugkraft auf den Menschen auswirken.

Hier mal eine Berechnungsformel zum Kräfteverhältnis Hund
Um die Kraft eines Hundes am Ende der Leine zu berechnen, gibt es eine Formel. Zur Berechnung der Kraft, wähle ich 3 Geschwindigkeiten des Hundes:

  • 7 km/h – Schrittgeschwindigkeit (Dauerziehen)
  • 10 km/h – Trabgeschwindigkeit
  • 20 km/h – in die Leine rennen (Galopp)

1.) Die Geschwindigkeit km/h muss in einen Faktor umgerechnet werden:

Faktor = Meter : Sekunde
Beispiel für  7 km/h:  7 000 m : 3600 s = Faktor 1,9
Beispiel für 10 km/h: 10 000 m : 3600 s = Faktor 2,8
Beispiel für 20 km/h: 20 000 m : 3600 s = Faktor  5,6


2.) Den Faktor dann mit dem Körpergewicht multiplizieren:


Beispiel für einen 25 kg Hund bei 10 km/h (Trabgeschwindigkeit)


25 kg x 2,8 = 70 kg


Ein 25 kg Hund, der mit 10 km/h (Trabgeschwindigkeit) ins Ende der Leine läuft, bewirkt eine Zugkraft von 70 kg. Im Galopp oder in die Leine rennen mit 20km/h muss ein Mensch dann schon 137,5 kg stoppen können. Im Dauerzug, Schrittgewindigkeit, erreicht also schon der 25 kg Hund immerhin 47,5 kg. Ein Labrador, der ca. 35 kg schwer ist, kommt somit im Dauerzug auf eine Zugkraft von 66,5 kg, in Trabgeschwindigkeit auf eine Zugkraft von 98 kg und im Galopp auf eine Zugkraft von 196 kg, die dann auch für Mensch und Hund sehr gefährlich werden kann.

Übrgens: Gehgeschwindigkeit Mensch beträgt durchschnittlich 5 km/h und hängt vom Alter und Geschlecht und ob ich alleine oder in der Gruppe gehe ab. Gemächliches Spazierengehen hat eine mittlere Geschwindigkeit von etwa 3,6 km/h. Geschwindigkeit 1 Meter pro Sekunde oder 3,6 km/h. Marschtempo 100-120 Schritte/min bei einer Schrittlänge von 75 cm bis 100 cm beträgt 4,5 km/h bis 7,2 km/h.

Nach meiner Auffassung sind weitere Kriterien für die richtige Wahl einer Leine sehr wichtig:

  • Sie müssen der Größe und dem Gewicht des Hundes entsprechen.
  • Sie sollten sicher sein, so dass sie andere Menschen oder Hunde nicht verletzen.
  • Sie sollten so beschaffen sein, dass man sich aufgrund von Reibung nicht die Hände „verbrennt“ – dies ist u. a. bei der Wahl von Schleppleinen zu beachten (hier würde ich Fahrradhandschuhe empfehlen). Wichtiger Hindweis: Schleppleinen dürfen NIEMALS an Halsbändern befestigt werden!
  • Benötige ich für unterwegs eine Befestigungsmöglichkeit, sollte sie verstellbar sein, so dass ich sie u. U. auch über den Oberkörper legen könnte oder ich sie bei Bedarf verkürzen oder verlängern kann.
  • Wenn ich selber eine große Handfinnenfläche habe, meint man, auch eine breite Leine bevorzugen zu müssen. Aber wenn ich einen Chihuahua oder Dackel an einer breiten Leine befestige, die eigentlich für einen Dalmatiner oder Boxer gedacht ist, dann schleppt der kleine Hund das ganze Gewicht mit sich rum und das ist nicht fair. Je breiter die Leine desto größer sind auch die Karabiner und Ringe und dadurch bedingt das Eigengewicht einer Leine. Das würde ich beim Kauf einer Leine auf jeden Fall berücksichtigen. Es gibt über das Internet Möglichkeiten, Leinen nach eigenem Bedarf (Form, Farbe, Karabinerarten, Länge, Breite, Material) anfertigen zu lassen. Im Gebrauch sollte man pro Hund mindestens 2 Leinen zur Verfügung haben: eine für die Stadt- und Waldgänge (dann eine Längenverstellbare) und eine Schleppleine. Es gibt immer mal Gründe, warum mein Hund eine Zeit lang an der Leine laufen muss - z. B. bei läufigen Hündinnen, bei jagdlustigen Hunden, im Urlaub, wo man die Freilaufflächen nicht kennt und der Hund ein bissl weitläufiger schnuppern soll usw. usw.. 


Welche Hundeleinen sind nun richtig gefährlich für Hund und Mensch und rate dringend davon ab:


Hier ist ganz klar die ach so beliebte flexi-Leine oder auch Rollleine in alleinen Variationen zu nennen. Die flexi-Leine besteht aus einem Gehäuse mit Wickelmechanismus und Handgriff sowie der Hundeleine selbst.
Der Vorteil der flexi-Leine bestehe darin, dass sie – so der Hersteller – „dem natürlichen Bewegungs- und Erkundungsdrang des Hundes Raum gibt, ohne die sichere Kontrolle über den Hund einzuschränken.“ Der Werbespruch ist nicht ganz richtig – das natürliche Verhalten des Hundes ist ganz sicher nicht, an einer flexi-Leine zu laufen. Und bei einer „ausgefahrenen“ flexi-Leine ist die Kontrolle des Hundes auch nicht mehr gegeben – vielmehr wird die Leine zur zusätzlichen Gefahr für Spaziergänger, Radfahrer, den Besitzer und auch für den Hund. Gerne legen sich diese, gerade auch bei kleinen Hunden, dünnen Leinen um die Extremitäten und können sie abtrennen. Was noch eine zusätzliche  Gefahr darstellt – als entgegenkommender Mensch sieht man die Leine häufig nicht. Ich kann ein belegbares Beispiel für die extreme Lebensgefahr, die von diesen Leinen ausgeht, aus dem Freundeskreis nennen. Auf einem Hundespaziergang mit seinem größeren Hund hat sich der Besitzer mit dieser gruseligen flexi-Leine den Daumen abgetrennt. Ja, Sie haben richtig gelesen. Nicht nur für den Hund sondern auch für Menschen ist diese verfluchte Leine ein einziger Alptraum. Egal, wer mir 10.000de Gegenbeispiele nennen mag, das war mindestens eine Verletzung bzw. Amputation zu viel!


Nun komme ich zuletzt zu der sog. Weltneuheit der Firma GoLeyGo, die am 02.10.2018 in der Sendung „Die Höhle der Löwen“ vorgestellt wurde. Den Deal mit den Gründern von GoLeyGo, wen es interessiert, machten Frank Thelen und Ralf Dümmel (Stand 02.10.2018, Sendung DHDL auf Vox). Ralf Dümmel hatte im Zweiergespräch mit Frank Thelen erwähnt, er habe sich schon damals für die Vermarktung der Flexi-Leinen sehr erfolgreich eingesetzt. Aber hier geht es nicht um die Flexileinen sondern um ein „Erstes unter Volllast lösbares Verschlusssystem für einhändige Nutzung“. Am Halsband des Hundes befindet sich ein hochstehender Kugelstift aus Aluminium und Edelstahl, der zusammen mit der Leine diese Kugelstift-Magnet-Kombination bildet. "Einhändig, intuitiv, schnell und mit nur einem Klick lässt sich der Hund damit von der Leine lösen und auch wieder anleinen“ – so lautet das Werbeversprechen.  Das System ist sicherlich sehr sinnvoll für Halfter von Pferden und super praktisch zu nutzen – auch auf anderen Anwendungsgebieten - aber der herausstehende Kugelstift am Halsband oder am Brustgeschirr angebracht birgt – vor allem in Hund-Hund-Begegnungen – meines Erachtens Gefahren für Hunde. Hunde sind sog. Beutegreifer und gehen manchmal nicht gerade zimperlich miteinander um und daher kann der hervorstehende Stift meiner Meinung nach für den anderen Hund in Interaktion zu einer Verletzungsgefahr führen. Aus diesem Grund würde ich dieses Produkt „Halsband mit Hundeleine, oder Brustgeschirr mit Leine“ der o. g. Firma nicht empfehlen – erst recht nicht die Variante Halsband mit einer Rollleine dran!

 

Ich bin der Auffassung, dass sich auf unseren täglichen Spaziergängen sowohl der Hund als auch der Mensch an einer locker gehaltenen Leine sehr entspannt und sicher fühlen sollte - das ist das Ziel. Das kommt nicht nur der Gesundheit des Hundes sondern auch der des Menschen zugute.